Mick Saunter

Sie und ich, wir haben etwas gemeinsam:       

   Wir lieben Krimis und Thriller!     

Bei mir ging es damit los, als ich so etwa zehn war. So ganz genau kann ich mich nicht an das Datum erinnern. Schließlich wurde ich 1957 geboren, also schon vor einer ziemlich langen Zeit. Da ist das manchmal so eine Sache mit der Erinnerung.

Entscheidend war aber, nachdem ich damals "Die blaue Hand" von Edgar Wallace mit, wie ich vermute, weit aufgerissenen Augen und ebensolchem Mund gelesen hatte (und wahrscheinlich das Meiste gar nicht richtig verstand), dass direkt der nächste Krimi im Anschluss kam, "Modenschau in Vaduz" von Robert Ruck – und ich noch mehr wollte. Heute würde man sagen, ich war angefixt.

Oder sagt man das heute schon nicht mehr?


Woher die Bücher kamen weiß ich nicht mehr. Sehr wahrscheinlich hatte ich sie aus dem Bücherregal meiner Eltern geklaut – was auf eine frühe kriminelle Energie schließen lässt, die da bereits in mir steckte.

Dass ich sie hätte lesen dürfen war ausgeschlossen, meine Mutter wollte schließlich, dass „aus dem Jungen was Anständiges wird“. War ihr sowieso ein Rätsel und ein Dorn im Auge, dass ich, seit ich kurz vor dem ersten Schuljahr über meine geliebten Comics lesen gelernt hatte, alles las, was mir unter die Finger kam – anstatt draußen das zu tun, was Jungen damals im Allgemeinen taten.

Jedenfalls: Damit ging alles los. Lesen wurde meine erste Leidenschaft.


Und obwohl im Laufe der Zeit einige Leidenschaften dazu gekommen sind, kann ich noch immer nicht damit aufhören. Im Schnitt lese ich nahezu jede Woche ein Buch, oft ist es Belletristik. Und, wie Sie ganz richtig vermuten, nach wie vor besonders gern Kriminal-Literatur.

Seltsamerweise wollte ich nie Fußballstar, Automechaniker oder Feuerwehrmann werden.

Am ehesten noch Lambretta-Fahrer!

Wenn mich jemand mit dreizehn gefragt hätte, was ich denn als geborener Stubenhocker irgendwann mal beruflich machen wollte – was aber keiner so richtig tat – hätte ich gesagt: Bücher schreiben.

Ich hatte da ein Bild von der Schriftstellerei vor Augen, dass mir äußerst erstrebenswert erschien (wenn es auch, wie ich heute weiß, nicht wirklich etwas mit der Realität zu tun hatte).


Bis es soweit war, sollte es allerdings ein paar Jahrzehnte und etliche Umwege dauern.

Denn mit sechzehn flog ich völlig zu Recht vom – wie es damals hieß – Neusprachlichen Gymnasium Süd in Wuppertal-Cronenberg. Wir passten einfach nicht zusammen.

Ich bin mir sicher: Das hatte auch damit zu tun, dass ich das von Henry David Thoreau zuvor so gut beschriebene Sauntering, das Schlendern als Grundhaltung auf der Suche nach dem Sinn, schon früh für mich entdeckte.

Und außerdem: Ich war schlichtweg zu faul irgendetwas zu büffeln, das mich so rein gar nicht interessierte. Wer braucht schon Mathematik, Latein, Geschichte und so was vollkommen Überflüssiges wie Sportunterricht, wenn man doch in der Zeit lesen kann! Und Pubertät war auch noch!

Was soll man machen: Da blieb eben nicht viel Zeit für´s Lernen. Bis ich merkte, dass es ohne dem nicht geht, war es schon passiert.



In der Folge wurde ich eher zufällig (der Mann von der Arbeitsagentur – damals hieß es noch Arbeitsamt – meinte, dass es das Richtige für mich sei) Eisenwaren-Kaufmann bei Edmund Faust in Wuppertal-Heckinghausen (war gar nicht so verkehrt, viel für´s Leben und ´ne Menge Allgemeinwissen), war beim Bund (hätt ich mir besser sparen und was Sinnvolles machen sollen), fuhr Lkw (wegen der Freiheit, dachte ich irrtümlich), verkaufte Versicherungen (wegen der Kohle, dachte ich noch irrtümlicher).

Sie merken vielleicht: Der Junge wußte einfach noch nicht, wohin er eigentlich wollte, und suchte nach seinem Weg!

Schliesslich arbeitete ich dann doch noch in einer Autowerkstatt - und wenn ich nach Feierabend nicht gerade in meiner Bude hockte und las, fuhr ich vieeeel Motorrad (was ich übrigens nach wie vor mit Begeisterung mache).

Irgendwann wurde ich aber doch halbwegs vernünftig. Anständig eben, so wie Muttern sich das für mich vorgestellt hatte. Ich fing noch mal von vorn an, lernte das Tischlerhandwerk, heiratete und gründete eine tolle Familie. Holte den Schulabschluss nach, studierte Holztechnik, und plante über viele Jahre Läden in ganz Deutschland.

So weit, so gut. Wenn …

... ja, wenn dann da nicht ausgerechnet in der Lebensmitte dieser Zufall ins Spiel gekommen wäre (den es gar nicht gibt: Nichts geschieht zufällig, sondern hat immer einen Sinn. Major Konstantin Manner vom LKA Salzburg ist übrigens gleicher Meinung!): Durch eine Bekannte lernte ich eine Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung näher kennen. Neugierig geworden nahm ich mir eine Auszeit, und hospitierte dort zwei Wochen. Eine unglaubliche Erfahrung, die mein Leben völlig auf den Kopf stellte.

In dieser Zeit wurde mir vieles klar, über das ich mir vorher noch nie Gedanken gemacht hatte: Was Leben eigentlich bedeutet. Was es auch heißen kann, Mensch zu sein.

Was tatsächlich zählt.


Mir blieb gar nichts anderes übrig: Ich lernte neu, und arbeitete viele Jahre für Menschen mit geistigen, seelischen und Suchtbehinderungen.

Geschrieben habe ich schon immer: In der Grundschule ein Märchen über Regentropfen, als Teenager eine Horror-Story über ein paranormales Ereignis an einem Flussufer, und als Erwachsener ab und an ein paar kleine Geschichten. Nur so nebenbei, und nur für mich.

Wenn es in den Schulen und Seminaren, die ich im Laufe meines Lebens so reichlich besuchte, etwas zu schreiben, zu protokollieren gab, war ich immer gefragt – weil man mir gern zuhörte, wenn ich anschließend vorlas, was ich da aufgeschrieben hatte.

Und ich schrieb mit wirklich so viel Spaß daran, dass ich mich heute frage, was um alles in der Welt mit mir los gewesen ist: dass ich nicht früher zu der Erkenntnis gekommen bin, was das einzig Richtige, eben das für mich „Anständige“ ist!


Aber genauso war es, ganz ehrlich.


Der Gedanke, dass ich es doch mal so richtig versuchen könnte, ernsthaft etwas zu schreiben, war erst noch zu undenkbar. Zum Beispiel den Kriminal-Roman, der dann 2020 entstand, und der mir schon vorher so oft durch den Kopf ging.

Eine Geschichte, in der ich von dem, was mein Leben so bunt gemacht hatte, etwas einbringen konnte, und dazu die Bilder in meinen Kopf in Worte brachte: von dem autistischen Mann, der von Panik erfüllt durch einen winterlichen Wald am Untersberg bei Salzburg vor etwas unfassbar Grauenhaftem davonläuft, und in seinem Kopf wieder und wieder nur die Worte hört: Ich habe es schon immer gewusst!


Dafür brauchte ich anscheinend ein einschneidendes Erlebnis, dass mir so richtig in den Arsch trat.

Und ganz folgerichtig passierte genau so etwas: Ich erkrankte ernsthaft - und wieder einmal änderte sich mein Leben völlig.


Doch wo Schatten ist, ist auch Licht: Nach einer wirklich schweren persönlichen Zeit verstand ich mit fast sechzig endlich wie wichtig es ist, sein Leben mit dem zu verbringen, was man wirklich will.

Dass es darauf ankommt authentisch zu sein, und sich nicht zu verbiegen.

Dass man das, was in einem brennt und auflodern will, nicht aufschieben darf, und damit die Flamme erstickt –

weil das Leben dafür einfach viel zu kurz ist.

Schreiben ist das für mich, was mich erst so richtig leben lässt, ist Lebensinhalt, ist erfüllende Leidenschaft geworden. Ist einfach rundherum so sehr meins, wie ich es niemals vermutet hätte zu erleben - und dass ich einfach nicht lassen kann.

Dass ich dabei mit meiner Phantasie und aus meinen reichhaltigen Erfahrungen den Figuren, die, manchmal ganz überaschend im kreativen Schreibprozess auftauchend, Leben einhauchen kann, und sie die abenteuerlichsten Geschichten erleben lasse, ist einfach das Allergrößte!

In meinen Thrillern und Kriminalromanen geht es nicht in erster Linie um Verbrechen aus Gier, aus Mordlust oder ähnlichem.

Die gibt es natürlich auch, keine Sorge. Aber bei mir sind es die Hintergründe, die im Vordergrund stehen. 

Ich schreibe von Menschen, die etwas sie grundlegend Veränderndes erleben mussten. Ein für sie derart furchtbares und prägendes Ereignis, dass ihre Reaktion darauf ein Handeln auslöst, das in einer Tragödie endet.

Etwas, das ganz normale Frauen oder Männer dazu bringt, ein mehr oder weniger normales Leben zu verlassen, um einen völlig anderen Weg zu betreten. Einen Weg, in dem die gesellschaftlichen Normen und Regeln nicht mehr gelten - und der Gewalt und Tod als nötig akzeptiert.

Na ja, und so ist das alles entstanden.


Dass Sie und ich jetzt hier zusammengekommen sind, das ist einfach grandios: Sie lesen gern darüber, wie es in den Abgründen der menschlichen Seele aussieht, und ich geniesse es, Ihnen davon zu erzählen.


Ist doch perfekt!

Also, an mir soll´s nicht liegen, wenn wir so weitermachen - und bei einem meiner nächsten Bücher wieder gemeinsam etwas schlendern!